Wenn ein kleiner Vorfall zu einer großen Lehre wird: Yoga, Samskara und der Schatten in uns

Letzten Tag saß ich an der Rezeption meines Wellness-Shops, und etwas sehr Alltägliches – und doch sehr Kraftvolles – geschah.

Ein paar Kinder standen draußen vor dem Laden, lachten laut, redeten miteinander, voller roher Energie. Kurz darauf kamen sie herein. Unser Shop ist ein Wellnessraum – ruhig, still, der Gesundheit und inneren Balance gewidmet. Es gibt dort nichts für Kinder: keine Süßigkeiten, kein Spielzeug, nichts Buntes.

Sie schauten sich neugierig um und kamen direkt zu mir.

„Haben Sie Chicken Masala?“, fragte eines der Kinder.

Ich lächelte und sagte: „Nein.“

Dann fragten sie erneut: „Haben Sie etwas Indisches?“

Wieder antwortete ich ruhig: „Nein. Vielleicht findet ihr das in einem anderen Laden in der Nähe.“

In diesem Moment veränderte sich etwas. Zwei der Kinder begannen, sich über mich lustig zu machen – vielleicht über meinen Akzent, denn Deutsch ist meine zweite Sprache. Sie flüsterten miteinander, kicherten und gingen hinaus. Von draußen klopften sie an die Glastür, zeigten mir den Mittelfinger und rannten davon.

Sie waren nicht einmal zehn Jahre alt.

Für ein paar Sekunden stand ich einfach nur da – schockiert, beschämt und innerlich ganz still.

Die erste Reaktion – und die yogische Pause

Als Menschen ist unsere erste Reaktion in solchen Momenten oft emotional: Warum ist das passiert? Was habe ich falsch gemacht?
Yoga jedoch lehrt uns etwas sehr Feines und Tiefes: innehalten, bevor wir reagieren.

Anstatt diesen Vorfall wie eine Wunde mit nach Hause zu nehmen, blieb ich bei ihm. Ich atmete. Und dann entstand ein tieferes Verstehen.

Kinder und der ungefilterte Schatten

Im Yoga und in der Tiefenpsychologie sprechen wir vom Schatten – jenen Anteilen in uns, die unangenehm, gesellschaftlich nicht akzeptiert oder schmerzhaft sind und deshalb ins Unbewusste verdrängt werden.

Kinder, besonders in jungen Jahren, wissen noch nicht, wie man diesen Schatten versteckt.

Sie zeigen ihn offen.

Was ich an diesem Tag sah, war kein persönlicher Hass. Es ging nicht wirklich um mich. Es war ein roher Ausdruck innerer Eindrücke – Samskaras –, die sich ungefiltert entluden.

In der yogischen Psychologie sind Samskaras geistige und emotionale Prägungen, die durch Erfahrungen, Umfeld, Konditionierung und Beobachtung entstehen. Nach den Lehren der Yoga-Sutra des Patanjali bleiben diese Samskaras im Geist latent und äußern sich später als Gedanken, Reaktionen, Gewohnheiten und Verhalten.

Kinder leben sie nach außen aus.
Erwachsene unterdrücken sie oft nach innen.

Erwachsenwerden löscht Samskaras nicht aus

Das ist der Punkt, den wir häufig vergessen.

Wenn Kinder erwachsen werden, verschwinden diese Samskaras nicht. Die Gesellschaft bringt ihnen nur bei, wie man sie maskiert.

  • Als Kinder schreien wir, verspotten andere und rennen weg.

  • Als Erwachsene lächeln wir höflich – und urteilen innerlich.

  • Als Kinder ist der Schatten sichtbar.

  • Als Erwachsene wandert er in den Untergrund.

Yoga fordert uns nicht auf zu glauben, dass der Schatten nicht existiert. Yoga lädt uns ein, uns seiner bewusst zu werden.

Yoga ist keine moralische Politur – sondern innere Ehrlichkeit

Viele Menschen denken, Yoga bedeute, an der Oberfläche „gut“, ruhig und spirituell zu sein. Doch echtes Yoga geht viel tiefer.

Yoga sagt:

  • Beobachte deine Reaktionen.

  • Erkenne deine Dunkelheit an.

  • Werde Freund mit deinem Schatten, statt ihn zu verleugnen.

Wenn wir unsere innere Aggression, Angst oder unsere Vorurteile verleugnen, verschwinden sie nicht – sie finden nur subtilere Ausdrucksformen.

Deshalb stellt Patanjali Yama (ethische Grundhaltungen) an den Anfang des Yogaweges:

  • Ahimsa (Gewaltlosigkeit)

  • Satya (Wahrhaftigkeit)

  • Asteya (Nicht-Stehlen – auch nicht die Würde eines anderen)

Das sind keine Regeln, die von außen auferlegt werden. Sie sind das Ergebnis innerer Klarheit.

Ein yogischer Umgang: Antworten statt Reagieren

An diesem Tag wurde mir etwas sehr Wichtiges klar:
Yoga wird nicht in Meditationshallen geprüft.
Yoga wird an Rezeptionen, in Geschäften, auf der Straße und in unerwarteten Begegnungen geprüft.

Eine yogische Antwort bedeutet nicht, Schmerz zu unterdrücken oder so zu tun, als wäre alles in Ordnung. Es bedeutet zu verstehen:

„Dieser Moment zeigt mir, wie der Geist funktioniert – meiner und ihrer.“

Anstatt Groll mitzunehmen, nahm ich Bewusstheit mit.
Anstatt mit Ärger zu reagieren, antwortete ich mit Einsicht.

Was uns dieser Vorfall alle lehren kann

  • Kinder zeigen uns, was wir verbergen.

  • Samskaras formen Verhalten lange bevor wir „zivilisiert“ werden.

  • Yoga ist die Kunst, klar zu sehen – ohne zu urteilen.

  • Angemessenes Verhalten nach dem Yoga beginnt mit Selbstbeobachtung, nicht mit moralischer Überlegenheit.

Wenn wir bewusst mit unseren Samskaras arbeiten – durch Achtsamkeit, Selbststudium (Svadhyaya) und Mitgefühl –, hören wir auf, unbewusste Muster an die nächste Generation weiterzugeben.

Und vielleicht ist genau das der Weg, wie Yoga die Welt langsam heilt – nicht durch Perfektion, sondern durch Bewusstheit.

Abschließende Reflexion

Die Glastür wurde später gereinigt.
Doch die Lehre blieb.

Yoga kommt oft in der Verkleidung von Unbehagen.
Wenn wir bereit sind, tiefer zu schauen, kann selbst eine unhöfliche Geste eines Kindes zu einem Tor der Weisheit werden.

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Die Eule am Abend: Eine Lektion in Gelassenheit mitten im Chaos

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Selbstvertrauen durch tägliche Yoga-Praxis aufbauen – Atem für Atem, Schritt für Schritt, Selbst für Selbst